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Description
Der Diskurs über Beteiligung und Partizipation im Kontext der Entwicklung von Dritten Orten in Kulturbetrieben war lange Zeit von der Frage nach der Gewinnung neuer Publikumsschichten und einer Öffnung der Orte hin zu diverseren Besucher:innengruppen geprägt. Die von den theoretischen Arbeiten Ray Oldenburgs (1989) geprägten Diskussion von Zugangsbarrieren durch Bildung, architektonische Grenzziehungen und historische Aufladungen der spezifischer Kulturproduktionsorte als Versammlungsstätten für bildungsbürgerliche Schichten, bestimmte für lange Zeit maßgeblich die Auseinandersetzung im Kulturmanagement. Durch eine veränderte (welt-)politische Lage und ineinandergreifende Polykrisen, geprägt durch Kriege, Klimakatastrophen, dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien , zeigt sich indessen noch eine erweiterte Untersuchungsdimension für Dritte Orte. Inwiefern können sie jenseits von parteipolitischer Vereinnahmung zu Orten demokratischer Teilhabe werden, die quasi als Schutzräume funktionieren für einen differenzierten, partizipativen und diversitätsorientierten Austausch über gesellschaftliche Fragen im Kontext künstlerischer Produktionen? Demokratie wird hierbei formuliert als eine Grundlage von Beteiligung, die Mehrstimmigkeit , Pluralismus, Wahrung von Grundrechten und einer Bewahrung einer nicht normativen Freiheit von Kunst, die seit einigen Jahren durch strukturell geführte, populistische Angriffe beständig in Frage gestellt wird.
Der geplante Beitrag stellt methodisch einen theoriebasierten Ansatz für eine Modellbildung vor, die Kulturbetrieben helfen soll, anhand spezifischer Kategorien und Indikatoren zu überprüfen, ob sie als Shelter-Ort fungieren können bzw. welche Faktoren möglicherweise noch nicht erfüllt sind, um eine solche demokratieorientierte Schutzfunktion übernehmen zu können. Dabei fließen Daten und Analysen aus der kulturellen Planungspraxis ein. Ausgehend von Daten, Beobachtungen und Erkenntnissen im Kontext der Neubauplanung der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf sowie dezentraler Festivalprojekte im Ruhrgebiet (u.a. Ruhr Triennale) zeigen die Autoren auf, dass eine dezentrale Orientierung sowie eine die Oldenburgschen Indikatoren erweiternde Betrachtungsweise dem Dritten-Ort-Konzept Kulturbetrieben eine an aktuelle Anforderungen angepasste Funktions- und Handlungsmacht verleiht. Dabei wird theoriebezogen auch auf die organisationstheoretischen Begriffe Exit, Voice und Loyalty von Alfred O. Hirschmann zurückgegriffen, mit denen die (kultur-)politischen Verhaltensweisen von Besucher:innen als maßgeblich für die Gestaltung von Dritten Orten betrachtet werden. Der Vortrag stellt den bisherigen Stand der Modellbildung vor, zeigt die verwendeten Methoden auf und stellt offene Fragen zur Diskussion.
Genutzte Quellen:
Vgl. exemplarisch international: Borwick, Doug (2012): Building Communities, Not Audiences: The Future of the Arts in the United States. ArtsEngaged. Und national: Weiß, Gabriele (Hrsg.) (2017): Kulturelle Bildung – Bildende Kultur. Schnittmengen von Bildung, Architektur und Kunst. Transcript; Piontek, Anja (2017): Museum und Partizipation. Theorie und Praxis kooperativer Ausstellungsprojekte und Beteiligungsangebote. Transcript.
Vgl. u.a. Mandel, Birgit (2019): Can Audience Development Promote Social Diversity in German Public Arts Institutions? The Journal of Arts Management, Law and Society 49/2, 121-135. https://doi.org/10.1080/10632921.2018.1517064
Oldenburg, Ray (1989): The Great Good Place. Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons, and other Hangouts at the Heart Community. Marlowe & Company.
Alexander, Christopher (1995): Eine Muster-Sprache. Löcker Verlag; Alexander, Christopher (1978): A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction. Oxford University Press
Vgl. Constance DeVereaux / Steffen Höhne / Martin Tröndle / Keith Nurse (eds.)
Journal of Cultural Management and Cultural Policy/Zeitschrift für Kulturmanagement und Kulturpolitik
Vol. 8, Issue 1: Arts Practices and Cultural Policies in Conditions of Disaster. Transcript.
Vgl. Wolfram, Gernot (2024): Schutzorte in der Polykrise. Müssen Kulturbetriebe in viel stärkerem Maße zu
demokratischen Plätzen werden? In: KM Magazin 01/24. https://www.kulturmanagement.net/Themen/Schutzorte-in-der-Polykrise-Muessen-Kulturbetriebe-in-viel-staerkerem-Masse-zu-demokratischen-Plaetzen-werden,4624
Autenrieth, Daniel et.al. (2023): (Virtuelle) Dritte Orte als Chance für eine nachhaltige Bildungslandschaft: Konzepte, Theorien und Praxisbeispiele. Kopaed.
Hirschman, Albert O. (1970): Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Harvard University Press.