Speaker
Description
Der virtuelle (museale) Ausstellungsraum soll im geplanten Vortrag im Kontext seiner Funktion als 1. sozialer Raum, 2. ästhetischer Erfahrungsraum und 3. institutionell-kontextualisierender Raum untersucht werden. Dabei gilt es den Rezipierenden im Beziehungsdreieck zwischen Publikum, Kunstwerk und (kuratorischem/vermittelndem) Kontext stets mitzudenken. Der Beitrag soll zunächst Dimensionen des virtuellen Ausstellungs- und Vermittlungsraums untersuchen, seine Möglichkeiten als Ort der Bildung und des ästhetischen Genusses sowie der Partizipation darstellen und in einem zweiten Teil das virtuelle Kulturpublikum in seiner Heterogenität anhand einer möglichen Segmentierung sowie damit einhergehender unterschiedlicher Anforderungen an einen virtuellen Ausstellungs- und Vermittlungsraum thematisieren.
I. Der virtuelle Raum
Nach kurzer Darstellung der Spezifika der Kunst- und Kulturvermittlung und -präsentation im digitalen Raum sowie Arten virtueller Ausstellungsräume, werden mögliche (Nicht-)Unterschiede einer ästhetischen Erfahrung von analoger Kunst zu ihren digitalen Surrogaten, die durch ihre sekundäre Darstellung im Digitalen eine Änderung in Materialität, Medium und Kontextualisierung erfährt, aufgezeigt. Geleitet von der Absenz des physisch präsenten Kunstwerks als klassischer Ausgangspunkt der Kunstvermittlung steht die Kunstvermittlung im digitalen Raum vor neuen Herausforderungen: Neben Born-Digital-Objects, also originär digitaler Kunst, trifft der/die Rezipient:in im virtuellen Raum auf digitale Reproduktion ursprünglich analoger Kunst.
Ersetzt durch das digitale Replikat bzw. Surrogat ist der soziale Raum, den der analoge Ausstellungsraum durch den Austausch zwischen a) Publikum und Publikum b) Publikum und Werk und c) Publikum und Institution darstellt, im Virtuellen ein anderer als im Analogen ebenso wie die kuratorische Entscheidung einer situativen Kontextualisierung in virtuellen Ausstellungs- und Vermittlungskontexten von neuen multimedialen Möglichkeiten geprägt ist. Neue Fragen eines Transfers ursprünglich analoger Objekte in den virtuellen Raum kommen auf: Wie kann zeitgenössische Kunst, die auf Interaktion beruht, in den virtuellen Ausstellungsraum übertragen werden? Die autopoietische Feedbackschleife nach Erika Fischer-Lichte unter Co-Präsenz des teilnehmenden Publikums kann nur bedingt stattfinden, was zur anschließenden Untersuchung des „digitalen Kulturpublikums“ führt.
II. Das virtuelle Publikum
Die Erweiterung musealer (Vermittlungs-)Angebote in den virtuellen Raum wächst stetig. Doch wer sind die Besucher:innen virtueller Kultur- insb. Ausstellungsräume?
In seiner zweiten Hälfte stellt der Vortrag ein mögliches Modell der Publikumssegmentierung anhand sechs verschiedener User:innentypen und zeigt dabei verschiedene Nutzer:innenanforderungen an museale virtuelle Räume und deren begleitendes Vermittlungsangebot. Letztlich sollen Anforderungen eines virtuellen Publikums auf ein Modell der Segmentierung (basierend auf der Nutzungsmotivation eines digitalen Angebots, vgl. Falk 2009, vgl. Beer/Stärk/Günter 2022) des digitalen Publikums übertragen werden.
Der Beitrag basiert auf Zwischenergebnissen des eigenen Dissertationsprojekts „Potenziale und Grenzen der digitalen Kunstvermittlung. Virtuelle Kunsterfahrung und ihre Konsequenzen für die Kunstvermittlung im digitalen Raum“ (2021-2025, Erstbetreuung Prof. Dr. Ulli Seegers HHU Düsseldorf, Zweitbetreuung Prof. Dr. Hubertus Kohle LMU München) sowie Ergebnissen des Projekts „ART 4.0 – Digitale Kunstvermittlung“ (Projektleitung, März 2020 bis Oktober 2021, gefördert durch den Stifterverband sowie Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen).
Literatur (Auszug):
Bourriaud, Nicolas: Relational Aesthetics, Dijon 2002.
Beer, Barbara/Stärk, Theresa/Günter, Bernd: Die Erweiterung des Offline-Angebotes durch Online-Angebote im Kulturmarketing am Beispiel des Museumsmanagements, in: Kristin Butzer-Strothmann (Hrsg.): Integriertes Online- und Offline-Channel-Marketing, Wiesbaden 2022.
Dünne, Jörg/Günzel, Stephan: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2006.
Falk, John H.: Identity and the Museum Visitor Experience, New York 2009.
Falk, John H./Dierking, Lynn D.: The Museum Experience Revisited, New York 2014.
Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen, Frankfurt am Main 2004.
Hein, George E.: Learning in the Museum, London 1998.
Krämer, Sybille: Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und neue Medien, Berlin 2018.
McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle. Understanding Media, Düsseldorf/Wien/New York/Moskau 1992
Meyer-Drawe, Käte: Zur Erfahrung des Lernens. Eine phänomenologische Skizze, in: Santalka Filosophija, 18 (2010), Heft 3, S. 6-16.
Preuß, Kristine/Hofmann, Fabian: (Hrsg.): Kunstvermittlung im Museum. Ein Erfahrungsraum, Münster 2017.