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Description
Erinnern, so ist im Positionspapier des Deutschen Städtetags (2023) zu lesen, „ist Zukunft“: Mit Erinnerungskultur lasse sich Demokratie stärken, kollektive Identität ausbilden, Orientierung gewinnen, Transformation bewältigen und sozialer Frieden sichern. Um Erinnerungskultur(en) herzustellen und zu vermitteln, sind indes Räume notwendig – seien sie physischer, diskursiver oder digitaler Natur. Erst im Raum wird Erinnerung als aktive kollektive Gedächtnisleistung möglich: durch die Auswahl und Anordnung von Artefakten, durch kontextualisierende Narrative und die Möglichkeit der Versammlung. War Erinnern im analogen Raum oft die Aufgabe des Staates und seiner Institutionen (Museen, Gedenkstätten, Archive), hat sich der Raum des Erinnern in postmodernen Gesellschaften dank digitaler Technik ausdifferenziert. Akteur*innen der Zivilgesellschaft machen vom digitalen Raum Gebrauch, um Kulturerbe visuell zu konservieren, einzuordnen und zu verbreiten. Dabei soll das Internet etwas leisten, das Institutionen aufgrund von „Gatekeeperschaft“ nicht immer zugetraut wird: Minderheiten werden sichtbar, plurale Perspektiven zugelassen, Geschichten dokumentiert, Kommunikations- und Partizipationsräume eröffnet.
Dass die Möglichkeiten des Digitalen auch die Forschung seit geraumer Zeit beschäftigen, ist anhand wachsender Bibliografien ebenso nachzuvollziehen (Hein 2009; Sebald/ Döbler 2019) wie anhand einer zunehmenden Zahl von Apps, Websites und Social-Media-Formaten zur Erinnerungskultur (Martin/ Kowark 2023). Inhaltliche Schwerpunkte liegen auf der Konservierung von Zeitzeugenschaft (etwa des Holocaust), der Erinnerung von Minderheiten oder der Rekonstruktion verlorener respektive bedrohter Räume (durch Vertreibung, Strukturwandel, Globalisierung). Um dieses ‚gefährdete‘ Erbe für die Nachwelt zu erhalten, werden interaktive Landkarten entworfen, persönliche Schicksale erzählt und Erinnerungsgegenstände durch Storytelling lebendig.
Damit – das ist die These dieses Beitrags – ist allerdings auch eine Subjektivierung des Erinner-ten und des Erinnerns verbunden. Indem einzelnen Menschen, Artefakten und Räumen mittels ästhetischer Darstellung exemplarische Bedeutung zugeschrieben wird, soll eine „Kulturgeschichte von unten“ entstehen, bisweilen mit dem Duktus einer „Rettungsarchäologie“. Das persönliche Erzählen, aber auch seine mediale Aufbereitung knüpfen dafür an Erzählweisen der Spielfilm- oder Gaming-Industrie an, das Ereignisse, Personen und Räume inszeniert und individuelle Erfahrungen als Zugänge für ein generelles historisches Verstehen anbietet. Wie im Feld der Kunst soll die digitale Aufbereitung von Geschichte die Möglichkeit zu persönlicher Einfühlung und Empathie eröffnen (Assmann 2021). Indem sich die gewählten Mittel (visuelle Erzählung, Vertonung, Strukturierung) der Kunst nähern, schließen sie auch die Möglichkeit einer fiktionalisierenden Darstellung von Erinnerung nicht aus, wozu technische Möglichkeiten beitragen (Claassen 2008).
Für den fließenden Übergang von Wahrnehmung, Wirklichkeit und Imagination hat die Philosophie den Begriff des Panfiktionalismus geprägt. Damit ist gemeint, dass Wirklichkeit für den Menschen stets nur als wahrgenommene und durch den Wahrnehmungsapparat konstruierte Wirklichkeit existiert (Blume 2019). Ziel des Beitrags ist es, anhand von exemplarisch analysier-ten Websites zu prüfen, inwiefern sich bei Erinnerungsangeboten im digitalen Raum Ansätze von Panfiktionalität erkennen lassen und was dies für eine kollektive Erinnerungskultur bedeu-tet. Dafür greift der Beitrag auf Theorien zum kulturellen Gedächtnis und zum Panfiktionalismus zurück; methodisch wendet er die qualitative Inhaltsanalyse an. Die vorläufigen Ergebnisse sollen mit der oben zitierten Hoffnung der Politik verglichen werden, dass digitale Erinnerungskultur mehr Demokratie und Partizipation biete. Es wird gefragt, wie digitale Erinnerungsangebote mit der gewünschten sozialen Wirkung – zu neuen Formen gemeinsamen Erinnerns zu gelangen – in Übereinstimmung zu bringen ist. (491 W.)
Literatur
Assmann, Aleida (2021): Jüdisches Unbehagen an der deutschen Erinnerungskultur. In: Wiese, Christian u. a. (Hrsg.) (2021): Die Zukunft der Erinnerung. Perspektiven des Gedenkens an die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Shoah, Berlin, Boston, S. 93–103.
Blume, Peter (2019): Fiktion und Weltwissen. Der Beitrag nichtfiktionaler Konzepte zur Sinn-konstitution fiktionaler Erzählliteratur, Berlin.
Claassen, Peter (2008): Medien und Erinnerung. In: Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/themen/erinnerung/geschichte-und-erinnerung/39857/medien-und-erinnerung/ (Zugriff 13.4.2024)
Deutscher Städtetag (2023): Erinnern ist Zukunft. Demokratie stärken mit Erinnerungskultur. Positionspapier des Deutschen Städtetages, Berlin (pdf.)
Hein, Claudia (2009): Erinnerungskulturen online: Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust, Konstanz.
Martin, Leonore / Katrin Kowark (2023): Avatare und Augmented Reality: Auf dem Weg zur digitalen Erinnerungskultur. In: Stiftungswelt, https://www.stiftungswelt.de/journal/avatare-und-augmented-reality-auf-dem-weg-zur-digitalen-erinnerungskultur.html (Zugriff 13.4.2024)
Sebald, Gerd/ Marie-Kristin Döbler (Hrsg.) (2018): (Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse, Wiesbaden.